"Wettlauf gegen die Zeit"
Denkmalschützer sind unterwegs, um die kostbarsten bäuerlichen Kulturdenkmäler vor dem Verfall zu retten: die Bauernhöfe selbst.

Foto © XpressSt. Katharein an der Laming: Seit einem Monat steht der Hof unter Schutz
Es ist ein vollkommenes Gesamtkunstwerk. Hier haben Handwerker gearbeitet, deren Wissen um Material und Bearbeitung heute kaum noch existiert." Wolfgang Absenger steht ehrfurchtsvoll vor dem Gebäude. Ein auf den ersten Blick baufälliges Bauernhaus, dem der Sturm "Paula" 2008 den Rest gegeben hat. Doch dann weist der Bauernhof-Experte des Bundesdenkmalamtes auf die Einzelheiten hin und erklärt: "Dieses Gebäude stammt aus dem Barock, und wenn man es jetzt herrichten würde, stünde es noch 300 weitere Jahre." Wenn aber nicht, ist es in wenigen Jahren eine Ruine.
Was Absenger derzeit macht, bezeichnet er selbst als "Wettlauf gegen die Zeit". 36.955 Gebäude stehen unter Denkmalschutz in Österreich, in der Steiermark sind es 4764, 300 davon sind Bauernhöfe. "Diese Zahl müssen wir zumindest verdoppeln, denn in unserer Datenbank befinden sich weit mehr schützenswerte Höfe. Tun wir das nicht, geht uraltes Kulturgut unweigerlich verloren."
Wie dringlich die Lage ist, zeigt ein Beispiel aus St. Katharein an der Laming. Das Steinhaus aus dem 16. Jahrhundert steht samt Troadkasten und Stall seit einem Monat unter Schutz. Probebohrungen für einen geplanten Steinbruch ließen das Gebäude bereits gefährlich vibrieren. Absenger ist bestürzt: "Österreich ist ein Sonderfall. Hier wird Geschichte negiert, während Graubünden oder Südtirol darin sogar investieren."
Die Zeit rennt
Dramatisch geworden ist das Desaster für historische Bauernhöfe seit den 70er-Jahren. "Damals wurden viele Bauern von der Kammer sogar dazu ermuntert, ihre Häuser zu verlassen, um sich daneben größere, praktischere zu errichten." Diese Gebäude mit dem herben Charme der 70er sieht man heute auf vielen Anwesen, während in deren Schatten der Holzwurm an den Juwelen nagt und lecke Dächer gewaltige Wunden reißen. Aber auch Zeughütten, Troadkästen, Scheunen und Ställe werden vernachlässigt und modern vor sich hin, anstatt als Schmuckstücke gepflegt zu werden. "Leider ist dieser Trend bis heute spürbar."
Semriach ist der perfekte Boden, um sich auf Spurensuche zu begeben. Durch den einstigen Silberabbau gibt es hier überdurchschnittlich viele mittelalterliche Höfe. So etwa einen der Urhöfe der Region, einen Zehenthof, dessen Wurzeln auf das 13. Jahrhundert zurückgehen, dessen Zukunft aber trüb ist. "Vor zwei Jahren ist die letzte Bewohnerin ausgezogen, seither ist der Verfall rasend", so Absenger.
Sein Appell richtet sich an Besitzer und Verantwortliche: "Wir haben Schätze in unserem Land, die wir noch retten können." Aber nicht mehr lange.


















