Architektur wider den Anspruch auf Ewigkeit
Die Architekturbiennale von Venedig rückt den aktiven Bürger ins Zentrum. Der Architekt als Star (zumindest in seiner medienwirksamen Gestalt) scheint ein Auslaufmodell zu sein.

Foto © APAEin Spiegelkabinett der etwas anderen Art im österreichischen Pavillon
Alphabetisch markieren Austria und Venezuela (fast) Anfang und Ende der Teilnehmerstaaten dieser 13. Architekturbiennale von Venedig. Im Ausstellungsgelände Giardini liegen sie so ziemlich am weitesten voneinander entfernt. Diesmal besetzen die beiden Länder auch inhaltlich divergierende Positionen. Während Wolfgang Tschapeller in Josef Hoffmanns Pavillon das Ende der Architektur, wie wir sie kennen, verkündet, ein Aus für das Haus, wenn man so will, postuliert man im von Carlo Scarpa entworfenen südamerikanischen Pavillon das Haus und das Recht auf ein Haus als absolute Voraussetzung eines menschenwürdigen Lebens.
Der österreichische Beitrag (wir berichteten) lässt auf einer 24 Meter langen Projektionswand digital generierte Körper frei flotieren oder miteinander agieren, schickt sie allein oder verknäuelt in ein gedanklich höchst komplexes und von profanen Bedürfnissen weit entferntes Universum. Venezuela hingegen setzt auf ein extensives Wohnbauprogramm. Ganz konkret, ganz handfest. Was die beiden Beiträge vereint, ist der Befund, dass Architekten als Planer spektakulärer Einzelstücke möglicherweise eine gefährdete Spezies sind. Sogenannte Stararchitekten sind vertreten, ihren Beiträgen ist aber dort, wo sie um das eigene ?uvre kreisen, eine gewisse Peinlichkeit in der Tat nicht abzusprechen.
INFORMATION
13. Architekturbiennale Venedig. 119 Teilnehmer zeigen 69 Projekte. Bis 25. November, 10 bis
18 Uhr. Montags geschlossen (außer 3. 9./19. 11.). Giardini,
Arsenale, diverse Örtlichkeiten in Venedig und Marghera.
Einzeleintritt: 20 Euro (reduziert 18/16/12 Euro).
www.labiennale.org
Kritik, Tschapellers Beitrag habe wenig bis nichts mit dem von Biennale-Direktor David Chipperfield verordneten Thema "Common Ground" zu tun, also mit der Suche nach einem Konsens hinsichtlich globaler Probleme und mit Hoffnungen, diese zu lösen, ist schwer zu entkräften. Die Umsetzung der (durchaus angsteinflößenden) Vision von der Anpassbarkeit des menschlichen Körpers auch an widrigste Umstände macht den Beitrag zweifellos zu einem der eindringlichsten. Pragmatische Vorschläge zur Verbesserung von Mitteleuropa und Umgebungen dürfen aber nicht erwartet werden.
An solchen mangelt es aber sonst nicht. Im Pavillon der USA werden zahllose "Spontaneous Interventions" präsentiert. Die Sammlung von Bürgeraktivitäten aus der ganzen Welt reicht vom "Guerilla Gardening" bis zur Arbeit von Gruppen, die an den gesellschaftlichen Rändern lebende Menschen über ihre Rechte aufklären.
Auch hinsichtlich von Eigeninitiativen kommt ein beeindruckendes Beispiel aus Venezuela: Rund um eine improvisierte Gastrozone informiert das Kollektiv Urban Think Tank über den Torre David - einen 45 Stockwerke hohen Wolkenkratzer im Zentrum von Caracas, der aus finanziellen Gründen als Rohbau aufgegeben und von Menschen aus den Barrios (rück?)erobert wurde.
In unmittelbarer Nähe erzählt Herzog & de Meurons Elbphilharmonie eine andere Geschichte über ein Architekturprojekt, das seit Jahren ein Gemeinwesen, nämlich jenes von Hamburg, in Atem hält. Und Fragen nach Sinn und Zweck von Prestigebauten in Zeiten der Krise aufwirft. Aber Hamburg ist nicht Caracas, aufgegeben wird das spektakuläre Vorhaben wohl nicht werden.
Aufgegeben wurde die 1980 für die Olympischen Spiele Moskau gebaute Linnahall von Tallinn nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Darauf baut der estnische Beitrag "Wie lange lebt ein Gebäude?" und thematisiert damit einen längst fragwürdig gewordenen Ewigkeitsanspruch von Architektur. Der auf andere Weise im deutschen Pavillon Gestalt annimmt, wo "Reduce/Reuse/Recycle" angesagt ist. Architektur wird in mehreren Beispielen als Ressource vorgeführt. Sehr klug geht es im britischen Pavillon um das Thema der Aneignung; nicht von Las Vegas wird hier gelernt, sondern unter anderem von Rio, Venedig und chinesischen Städten.
Spezielle Raumerlebnisse ermöglichen Serbien und Polen. In beiden Beiträgen geht es um den "Baustoff" Klang. Katarzyna Krakowiak lädt in ein Gewölbe mit schrägem Boden, das serbische Team ermöglicht die Bespielung eines riesigen Tisches.
Vom Architekturmaterial Licht handeln mehrere Beiträge, naturgemäß jener von Olafur Eliasson. Der Däne ist mit seiner Solarlampe "Little Sun" in Venedig. Ein hübsches Ding, noch dazu für den guten Zweck, Licht in stromlose Weltgegenden zu bringen. Freilich: Auch Ikea bietet längst Solarlampen an, beim Kauf eines Exemplars geht ein zweites via Unicef in Entwicklungsländer.



















