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Zuletzt aktualisiert: 29.08.2012 um 13:09 UhrKommentare

Nie allein dank der lieben Nachbarn

Mensch Nachbar. Ein Blick auf die andere Seite des Ganges und über den Gartenzaun hinweg. Warum wir den Menschen neben uns nicht lieben müssen, trotz aller Missverständnisse aber ganz schön nötig haben.

Am Anfang steht die Neugierde, am Ende vielleicht eine Beziehung, die das Leben um einiges leichter macht

Foto © food pictures studio - Fotolia.comAm Anfang steht die Neugierde, am Ende vielleicht eine Beziehung, die das Leben um einiges leichter macht

Es steht uns immer mehr Wohnraum zur Verfügung, rund um uns herum wird es dennoch immer enger. Weil wir mehr werden und es uns zusätzlich in Ballungsräume zieht: Vier von zehn Europäern leben mittlerweile in Siedlungsblöcken - Tür an Tür mit anderen. "Wenn wir von den eigenen vier Wänden sprechen, dann ist das ein Missverständnis", bringt es der Soziologe Janosch Hartmann, der in der Siedlungsbetreuung der Wohnbaugruppe Ennstal arbeitet, auf den Punkt. "In den alten Wohnungen mit ihren Fenstern zum Gang war es noch selbstverständlich und normal, dass da jemand neben uns ist. Heute versuchen wir das weitgehend auszublenden - und scheitern daran", sagt er. Die Nähe zu den Menschen nebenan, die macht etwas mit uns, ob wir es nun wollen oder nicht. Sie kehrt das Beste aus uns hervor - und das Schlechteste.

Einerseits sind da die Geschichten von Nachbarn, die mit Gewehr oder Messer aufeinander losgehen; andererseits ist gute Nachbarschaft in einer Gesellschaft, in der sich Familie und Partnerschaft zusehends als instabil erweisen, unterschätztes soziales Kapital. Der amerikanische Politologe Daniel Aldrich etwa konnte belegen, dass es vor allem Nachbarn sind, die einander bei Katastrophen beistehen - egal ob Erdbeben, Feuer oder Tsunami. In britischen Untersuchungen wiederum geben 56 Prozent der Befragten an, dass neugierige Nachbarn das beste Mittel gegen Einbrüche und häusliche Gewalt sind; jeder Fünfte hätte gern Nachbarn, die sich mehr für ihn interessieren.

Wohl bekomm's

Intakte Nachbarschaft wirkt sich auch auf unsere Gesundheit aus, wie Studien in Europa und den USA belegen: Wer seine Nachbarn noch sehen will, bewegt sich schließlich gern in seinem Wohnumfeld, was guten Einfluss auf die Fitness hat.

Es gibt aber noch viel profanere Gründe, seine "Nächsten" zu lieben, wie etwa der Architekt Werner Nussmüller aus Erfahrung weiß. Er hat vor 30 Jahren in der Gruppe gebaut, wie es so schön heißt, sich seine Nachbarn also schon vor dem Grundstück ausgesucht. Die Folge: "Ich weiß, wo der Schraubenzieher meines Nachbarn in der Garage liegt und kann mir jederzeit etwas Butter oder eine Flasche Bier aus seinem Kühlschrank nehmen, wenn daheim einmal etwas fehlt." Bei zehn Häusern mit insgesamt 30 Kindern sei außerdem immer jemand da gewesen, der auf seinen Nachwuchs aufgepasst hat. "Als Eltern von drei Kindern abends schnell noch ins Kino zu gehen, war für meine Frau und mich nie ein Problem." Gute Nachbarschaft ist also praktisch. Und sie sorgt für ein "gutes Gefühl", wie Nussmüller betont: "Ich muss meine Haustür nicht zusperren, um mich sicher zu fühlen - weil immer jemand aufpasst." Und last, but not least spart die intakte Nachbarschaft auch noch Geld - "etwa bei der Wasser- und Energieabrechnung", meint Nussmüller.

Ein Selbstversuch

Peter Lovenheim merkte erst, dass er keine Ahnung hatte, wer da neben ihm wohnte, als ein Familiendrama in der eigenen Wohnstraße blutig endete. Da wollte er es aber genau wissen: Nach und nach klopfte er bei allen Nachbarn an und fragte, ob er einen Tag und eine Nacht bei ihnen wohnen darf. Das Ergebnis bestätigt die These, dass sich der Großteil von uns nach Nähe sehnt. Nachzulesen in Lovenheims 2010 erschienenem Buch "In the Neighborhood".

Die Architektin Jördis Tornquist, die sich gern für Straßenfeste in der Stadt starkmacht, fügt an dieser Stelle hinzu, dass sich das geglückte Nebeneinander auch auf den städtischen Raum auswirkt. "Wo Nachbarschaft funktioniert, ist es sauberer, Vorgärten und Fassaden sind gepflegter."

Was uns nahegeht

"Unberührt lässt das Thema ohnehin keinen", ist die Erfahrung der Hausverwalterin und Mediatorin Magdalena Liebethat. Bei allem K(r)ampf, den sie in Siedlungen erlebt: "Isolation wünscht sich keiner. Gute Nachbarschaft gibt Sicherheit." Aber wir sind das Delegieren gewöhnt. "Wir warten immer drauf, dass uns ein anderer die Arbeit abnimmt", sagt Liebethat und meint damit auch die Kommunikation. "Statt direkt miteinander zu reden, werden lieber Hausverwalter und Anwälte bemüht." Auch eine Erfahrung aus dem Alltag: "Der Wunsch, den anderen besser kennenzulernen, ist oft da, "aber alle erwarten, dass der andere den ersten Schritt macht".

Die Balance zwischen Nähe und Distanz bleibt freilich immer schwierig. Anders als zwischen Ländern, wo ein Streifen Niemandsland, ein Fluss oder ein Gebirge den Frieden sichert, ist der Nachbar bei seiner Wohnungswand oder seinem Gartenzaun immer fast im fremden Territorium. Warum es uns dabei fast körperlich die Haare aufstellt? "Weil die Wohnung und in weiterer Folge das eigene Grundstück als Erweiterung des eigenen Körpers wahrgenommen werden", versucht der deutsche Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma eine Erklärung. Die nachbarschaftliche Grenzverletzung wird demnach wie ein körperlicher Angriff erlebt.

Gutnachbarschaftliche Beziehungen bestehen nun darin, diese Grenzverletzungen bis zu einem gewissen Grad nicht nur zu dulden, sondern sie sogar zu wollen, was Intimität zur Folge hat. Liebethat sagt es so: "Nachbarn müssen nicht ständig miteinander Kaffee trinken gehen, es geht nur um die Achtsamkeit, um weniger Ellbogentechnik - und darum, gelegentlich als Erster die Initiative zu ergreifen."

DANIELA BACHAL

Umfrage-Zahlen

25 Prozent der Deutschen haben ihren Wohnungsschlüssel beim Nachbarn hinterlegt. Ein Großteil der Befragten will ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn haben. Ein Fünftel der Befragten kennt seine Nachbarn nicht mehr.

50 Prozent geben an, zumindest einmal von den Nachbarn genervt gewesen zu sein. 37 Prozent klagen dabei vor allem über Lärm. Fast jeder Dritte hat mit den Menschen von nebenan schon einmal gestritten. Personen, die sich nicht mit ihren Nachbarn vertragen, klagen häufiger über Astma, Schmerzen und Depressionen.

36,8 Prozent der Deutschen haben Lust, sich mehr für ihre Nachbarn zu engagieren. In der Altersgruppe unter 30 liegt der Prozentsatz sogar über 40 Prozent.

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Das Gallup-Institut befragte 2007 Tausende Menschen in 86 Ländern (von Taiwan bis Norwegen), wem sie am ehesten zutrauen würden, ihnen ihre verloren gegangene Geldtasche, wenn sie sie finden, wieder zurückzubringen: einem Polizisten, einem Nachbarn oder einem Fremden?

In 62 Staaten entschied sich zumindest jeder Zweite für den Nachbarn. In 58 Ländern war das Vertrauen in den Nachbarn sogar größer als in die Polizei.

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