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Zuletzt aktualisiert: 24.06.2012 um 05:07 UhrKommentare

Im Westen nichts Neues

Diese Gründe sprengten Schwarz-Grün. Jetzt werden die Bürger zum Reininghaus-Areals befragt. Was ist das für ein Land, das die Stadt um 75 Millionen Euro kaufen will? Ein Streifzug.

Foto © birdeyeview.at

Sein Kopf ist so gut wie zugewachsen. Die Büste Peters von Reininghaus vegetiert - versteckt unter Ahornblättern - vor sich hin. Dabei steht sein Name ab 1920 für die letzte goldene Ära des Bierbrauens in der Reininghaus-Dynastie am Standort im Grazer Westen.

Wer die 54 Hektar großen Reininghaus-Gründe betritt, merkt schnell - das Brachland hat schon bessere Zeiten erlebt: Häuserputz bröckelt vielerorts ab, an einem einsamen Tennisplatz wirbelt niemand mehr Sand auf, Schilder sind vergilbt, vier denkmalgeschützte Gebäude (Malzsilo, Malztenne, Brunnen und die Villa Keil) beugen sich der Zeit.

Dennoch wirkt alles hier mit den gestutzten Buchsbäumchen, dem blühenden Lavendel und den wie mit Photoshop in die Wasserflächen hineinmontierten Schwänen, Enten und Graugänsen so, als wäre die Asset One für neue, potenzielle Investoren allzeit bereit.

Das große Aber

Ein Golfwagerl tuckert vorbei. Darin sitzt Ali Ibrahim. Er sagt: "Es könnte so schön sein. Es war so schön. Dieser Platz hier hat Tradition." Er ist die gute Seele von Reininghaus. Für die Caritas hat er früher mit Jugendlichen gekickt, dann hat man die Fußballplätze gekappt und sie zu Tennisplätzen umfunktioniert. In letzter Zeit schlagen am TC Reininghaus auch Kinder in Turnieren die Bälle. "Wir haben auch schon darüber nachgedacht, sie für karitative Zwecke zu öffnen", erzählt Vereinspräsident Andy Kirsch. Wenn da nicht das große Aber wäre. "Aber wir wissen ja nicht genau, was passieren wird und wohin die Reise geht."

Die in der Grazer Stadtpolitik seit Jahren selben Fragen in dieser Causa lauten: Kauft die Stadt die Reininghaus-Gründe für die größte jemals investierte Summe von 75 Millionen Euro? Ließe sich hier wirklich ein eigener musterhafter Stadtteil realisieren? Was wird mit jenen, die hier einen Arbeits- oder einen Krippenplatz gefunden haben? Und was passiert, wenn wieder einmal nichts passiert?

Von 29. Juni bis 18. Juli lässt ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl nun - zeitgleich zur Umweltzone - die Grazerinnen und Grazer zu jenem Thema befragen, das zuletzt die schwarz-grüne Koalition platzen ließ und gegen dessen schnelle Abwicklung FPÖ, KPÖ und die Grünen Sturm laufen. Der Kauf der Reininghaus-Gründe ist oberstes Wahlkampfthema für die Gemeinderatswahlen im Jänner. Die Kleine Zeitung lädt nächsten Dienstag zu einer Diskussionsrunde ins Kunsthaus.

Der Dornröschenschlaf

Sandra Eichelsberger ist gegen eine Veränderung. Die Leiterin der WIKI-Kinderkrippe sagt: "Wir wollen nicht weg aus unserem Paradies und hoffen, dass es noch lange dauert, bis hier etwas passiert." Die Kleinen, die zwischen Rutschauto, Himbeerstrauch und Schwimmbecken ihre Tage verbringen, sind dann wohl schon herausgewachsen aus ihren Kinderschuhen und ihrem großzügigen Spielgarten.

Paradiesische Zustände in einem Gebiet, das seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf feststeckt und dessen Wiederbelebungsversuche seit den 80ern konsequent scheiterten: eine Stadtbahn zum Thalerhof, ein Kulturviertel, Olympiadorf, Themenpark oder ein IMAX-Kino.

Kundenbetreuer Rene Weber genießt die Ruhe. Sein Büro der Digitaldruckerei DMS ist in der ehemaligen Gerstenaufbereitung stationiert. In der Mittagspause sitzt er oft auf einer Bank unter einem Baum - mit Blick auf die Malztenne. "Keiner weiß, was mit den Firmen passieren wird, die sich hier angesiedelt haben", sagt er. Wohnungen hier am "Traumstandort" würden ihm gefallen, er sucht nämlich schon länger selber eine. Aber: "Müssen wir hier raus, müssen wir wohl aus Graz weg und uns einen billigeren Standort suchen", betont er.

Bis der Wahlkampf gefochten und Entscheidungen getroffen werden, erinnern sich Stammkunden wohl weiter wehmütig an die Zeit, als das geschlossene Braustüberl noch offen war, wird der Kürbisbauer noch einige Plutzer ernten, werden im Start-up-Center mehr Firmen schlüpfen und einige vielleicht schneller als geplant Geschichte sein.

Und: Die Ahornblätter um die Reininghaus-Büste werden weiter wachsen.

JULIA SCHAFFERHOFER

Foto

Foto © Archiv

Bild vergrößernDie alte "Brauhaus Restauration"Foto © Archiv



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