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Zuletzt aktualisiert: 21.05.2012 um 11:56 UhrKommentare

"Steirer sind leider keine urbanen Menschen"

Die Chefs der Altstadt-Kommission setzen auf Urbanität in Graz: Mit der Schleifung von Vorstadthäusern, Neubauten im Zentrum und der Verdichtung in Gründerzeit- und Villenvierteln. Ein kontroversieller Stadtrundgang.

Das Girardi-Geburtshaus in der Leonhardstraße verfällt langsam

Foto © Bernd HeckeDas Girardi-Geburtshaus in der Leonhardstraße verfällt langsam

Käseglocke war gestern. Jetzt stehen die Zeichen im Zentrum auf Veränderung. Der Chef der Altstadtsachverständigen-Kommission Wolfdieter Dreibholz gibt einen neuen Kurs vor: "Ich will keinen Euro Investition im Zentrum verhindern." Nachsatz seines Stellvertreters, Architekt Michael Szyszkowitz: "Aber die Qualität der Projekte muss stimmen."

Paradigmenwechsel in der Altstadt

Dreibholz präsentiert gar eine Liste an Objekten, die er zum Abriss freigeben würde: "Das Girardi-Geburtshaus in der Leonhardstraße sofort!" Es sei bautechnisch und von der Nutzungsmöglichkeit längst nicht mehr am Stand der Zeit. Dass man damit Investoren einlädt, Objekte bis zur Abbruchreife niederzufahren, ficht Dreibholz nicht an: "Es muss in einer Stadt möglich sein zu erneuern. Das war in der 850-jährigen Geschichte von Graz immer so." Szyszkowitz ergänzt: "Man muss solche Objekte nicht immer ganz abreißen, aber so umbauen und erneuern, dass Investor und Stadt damit leben können." Nicht die einzige kontroversielle These der Altstadtschützer 2.0. Die ASVK-Chefs über ...

... den Andreas-Hofer-Platz: Der Bauplatz an der Mur ist für Dreibholz "ein Hammer" mit viel Potenzial. Die Stadt will in Absprache mit den Welterbehütern höchstens 13.000 m2 Bruttogeschoßfläche "erlauben", Acoton-Geschäftsführer Gerald Gollenz drängt auf einen Rahmen von 17.000 m2. Dreibholz ist auf Seite des Investors: "Funktionen und Nutzflächen gehen die Welterbe-Kommission nichts an. Es geht um die Qualität." Also solle man den Wettbewerb ohne kleinliches Limit ausloben und die Projekte für sich sprechen lassen. Denn "Urbanität hat auch mit Dichte zu tun. Man soll ja durch eine Stadt nicht in Lederhose und Wanderschuhen gehen."

... das Villenviertel. Das jüngste Wohnbauprojekt im Garten der Villa Hartenau in der Leechgasse sei zwar zu wuchtig ausgefallen. Trotzdem will man im Villenviertel weitere Nachverdichtungen ermöglichen, so Szyszkowitz: "Man kann Gärten halbieren, Neubauten schaffen und den Charakter eines Villenviertels trotzdem erhalten." Aber es brauche einen Bebauungsplan, der für das ganze Viertel einheitliche, klare Spielregeln definiert.

... die Gründerzeitviertel. In den Blockrandbebauungen in St. Leonhard und Geidorf sei oberstes Gebot, nachzuverdichten. Szyszkowitz: "Die Innenhöfe müssen frei, Außenfassaden unverändert bleiben." Aber an der Innenseite könne man zubauen und Wohnraum schaffen, auch die Dächer solle man verstärkt ausbauen.

... das neue Stadttor: Dreibholz und Szyszkowitz machen Druck für ein neues Stadttor bei der Einfahrt Jakoministraße: "Das ist eine Situation, die eine Vision braucht." Also soll auch hier ein Haus dran glauben.

... den Nikolaiplatz: Rechts der Mur schlummert ein städtebauliches Entwicklungsgebiet. Christian Kovacs plant die Verbauung der Ecke Grieskai zur Brückenkopfgasse. Dreibholz plädiert dort für eine mutige Lösung: "Wir sind angehalten, die Urbanität zu fördern." Das will die ASVK forcieren. Auch, wenn es vielleicht auf Widerstand stoße, so Dreibholz, "weil wir Steirer halt leider keine Italiener, also keine urbanen Menschen sind."

... den Freiheitsplatz: Zum Stichwort Italien fällt dem ASVK-Chef der Freiheitsplatz ein: "Was sollen diese 20 Parkplätze hier noch. Das ist mutlos, die Autos gehören weg. Für einen Ausdruck von Grazer Mutlosigkeit hält er auch das Joanneumsviertel und die Planung für den Pfauengarten.

"Planabweichungen": Die ASVK-Chefs machen klar: "Wir wollen künftig nicht mehr jedes Dachfenster-Detail regeln." Es gehe darum, ein größeres Ganzes abzustimmen und darum, dass bei Neubauten die architektonische Qualität stimme. Da schlagen beide Alarm: "Es geschieht immer öfter, dass Bauherren Einreichpläne guter Architekten abgeben. Aber kaum haben sie die Bewilligung, setzen sie etwas anderes um, als das, wofür wir grünes Licht gegeben haben."

Begleitende Kontrolle

Deshalb wird die Kommission künftig wichtige Projekte auch in ihrer Bauzeit begleitend kontrollieren. Stichwort Thalia: "Wir haben vereinbart, dass wir, bevor die Fassade errichtet wird, hier eine Materialprobe zur Ansicht bekommen. Man wolle schließlich nicht immer dann kritisieren, wenn es schon zu spät ist. Szyszkowitz: "Denn dann kommt vielleicht ein Abbruchbescheid, aber wann ist so einer schon einmal exekutiert worden?"

BERND HECKE

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