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Zuletzt aktualisiert: 18.11.2011 um 11:34 UhrKommentare

Baubranche: Kein Stein bleibt auf dem anderen

Die Baubranche steht vor einem Paradigmenwechsel. In Zukunft wird man bereits bei der Planung von Gebäuden deren Entsorgung bedenken müssen. Das sorgt bei Gewerbeimmobilienfür einen Nachhaltigkeitsboom. Doch auch Häuslbauer wenden sich immer öfter natürlichen Materialien zu.

TU-Professor Peter Maydl über den bevorstehenden Wandel in der Baubranche

Foto © FuchsTU-Professor Peter Maydl über den bevorstehenden Wandel in der Baubranche

Am Gelände der TU Graz wird derzeit neu gebaut – Betonplatte an Betonplatte. Im Institut für Baustofftechnik blickt der Universitätsprofessor Peter Maydl aus dem Fenster: "Das macht die Bundesimmobiliengesellschaft – Techniker der TU waren nicht an der Planung beteiligt." Während heute noch "höher, schneller, weiter" gebaut wird, sollen die Häuser der Zukunft einem anderen Modell folgen. Maydl spricht von "Life Cicle Design". "Kein Stein wird auf dem anderen bleiben – die gesamte Branche wird einen Paradigmenwechsel erleben".

Es geht um nachhaltiges Bauen. Heute steht Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Zukünftig werden ökologische und soziale Gesichtspunkte in die Gesamtplanung einfließen müssen. Dafür sorgt die neue Bauprodukte-Verordnung, die Mitte 2013 in Kraft tritt. Wer ab diesen Zeitpunkt Immobilien errichten will, muss bereits das Ende des Bauwerks mitplanen – Recycling ist das Stichwort.

"Heute werden oft Verbundstoffe benutzt, die lassen sich allerdings schwer wiederverwerten. Das bringt Probleme am Ende der Nutzungsdauer eines Gebäudes", erklärt Maydl. Der "Ökotekt" Martin Meissnitzer von "Haus der Baubiologie" führt Wärmedämmung mit Styropor als Beispiel an. "Von der Herstellung bis zur Entsorgung ist das der schlechteste Werkstoff." Das "Haus der Baubiologie" beschäftigt sich eindringlich mit der Frage des nachhaltigen Bauens.

Ein Problem sei, dass die Industrie die Markteinführung neuer Produkte verhindert. Produkte auf Erdölbasis hätten zwar einen hohen Energieaufwand, würden aber billig verkauft. "Biologische Alternativen gibt es noch nicht in Massenfertigung", so Meissnitzer. Man müsse daher mit rund 20 Prozent höheren Baukosten rechnen. Vielen Produkten mit dem "Bio-Siegel fehlt auch der Nachweis der Funktionalität. Manchmal weiß man erst nach zehn Jahren, ob der Baustoff auch über Jahrzehnte hält."

Zertifizierungsboom

Auch der TU-Professor bemängelt, dass es kaum einheitliche Kennzeichnungen gibt. Ein Häuselbauer müsse sich heute einen Profi suchen, der ihm versichert, neue Konzepte zu verwirklichen, so Maydl. Dabei scheitere es zumeist bereits beim Energieausweis – eine Information über den Energieverbrauch des Hauses – der von wenigen angefordert würde und meistens auch den Namen nicht verdiene.

Anders sei die Entwicklung bei Büroimmobilien. "Hier hat es in den vergangenen Jahren einen Zertifizierungsboom gegeben." Ab 2012 werde es auch ein europäisches Regelwerk geben, das ökologische und soziale Aspekte beinhaltet. Das deutschen DGNB stimme bereits heute mit den neuen EU-Normen überein, so Maydl. Um Häuselbauern eine Richtschnur zu geben hat das "Haus der Baubiologie" einen eigenen Standard ins Leben zu rufen: das Aktivhaus. Meissnitzer: "Heute wird oft noch immer gebaut, wie vor 20 Jahren. Dabei hat sich in dieser Zeit sehr viel getan."

Der Niedrigenergiestandard sage heute nichts mehr über die Qualität aus. So würden Passivhäuser zwar wenig Energie verbrauchen, aber Styropor-Dämmung und Kunststofffenster seinen in Herstellung und Entsorgung extrem umweltschädlich. Holz und Stroh als Dämmmaterial hätten eine viel bessere Ökobilanz und Fenster aus Lerchenholz würden deutlich länger halten als solche aus PVC, führt der "Ökotekt" aus.

Dennoch sieht TU-Professor Maydl die Entwicklung positiv: "In den vergangenen zwei bis drei Jahren ist die Nachfrage nach ökologischen Bauwerken enorm gestiegen", sagt Maydl. Vor allem Supermarktketten und Immobilieninvestoren springen auf den Nachhaltigkeitstrend auf. Auch die Baustoffhersteller beginnen damit, ihre Produkte anzupassen. Sogar der neue Campus der Medizinischen Universität Graz soll bereits nach den neuen Standards gebaut werden. Vielleicht heißt es bald wirklich: Betonplatte adé.

ROMAN HUBER

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