Welt AG von DaimlerChrysler reif für den Scheidungsanwalt
Ganz am Beginn stand "Gamma". Es war der Codename für den spektakulärsten Merger der Wirtschaftswelt, von dem bis wenige Tage vor Bekanntgabe in London gerade eine Handvoll Manager wussten.

Foto © APAJürgen Schrempp ging es im Sommer 2005 an den Kragen
Zu den Geheimnisträgern neben den Drahtziehern Jürgen Schrempp (Mercedes Benz) und Bob Eaton (Chrysler) zählten Elite-Strategen wie Jürgen Hubbert, Eckhard Cordes, Dieter Zetsche oder Gary Valade, und die Gesprächsrunden und Verhandlungen fanden nicht in den Chefetagen in Stuttgart oder Detroit statt, sondern in Hinterzimmern von Hotels und finsteren Kellerbüros in New York City.
Streng geheim. Um jedes Risiko einer Indiskretion auszuschließen, wurden in den Gesprächsprotokollen die Firmennamen Daimler und Chrysler mit den Decknamen "Denver" und ,,Cleveland" versehen. Zudem hatten sich die Bosse sogar darüber geeinigt, nicht einmal ihre Chefsekretärinnen ins Vertrauen zu ziehen. So hockten hoch bezahlte Vorstandschefs nächtelang selbst vor dem Computer und lernten, wie man die Festplatte der Rechner löscht und Kopierer bedient. Mit dem Resultat, dass tatsächlich bis zum Tag der Bekanntgabe niemand von der Mega-Fusion Wind bekommen hatte.
Schrempp im Scheinwerferlicht. Als dann am 6.. Mai 1998 um 23 Uhr Ortszeit im Londoner Dorchester Hotel der Vertrag unterzeichnet wurde und tags darauf die Weltöffentlichkeit über den Zusammenschluss der Daimler-Benz AG aus Stuttgart und der Chrysler Corporation aus Auburn Hills zur DaimlerChrysler Aktiengesellschaft erfuhr, stand vor allem ein Mann heldenhaft im grellen Licht der Scheinwerfer: Jürgen Schrempp.
Gefeiert. Die Medien stimmten Lobeshymnen über den selbstdarstellerischen Architekten der transatlantischen Allianz an, der vollmundig von einer "Hochzeit im Himmel" und einer sprudelnden Geldquelle sprach. Im neu geschaffenen, drittgrößten Industrieunternehmen der Welt brachen tags darauf unter den 428.000 Mitarbeitern die Flitterwochen aus. In den Kantinen des Konzerns futterten die Deutschen amerikanisch und die Amerikaner deutsch, 29 deutsch-amerikanische Ausschüsse und 98 Arbeitsgruppen übten die Eheharmonie, und zwischen Stuttgart und Detroit wurde zwecks kulturellem Austausch ein täglicher Airbus-Flug in den Dienst gestellt.
Abgesackt. Doch schon 24 Monate nach der Traumhochzeit war von Honeymoon nicht mehr viel zu spüren. Schnell hatte sich herausgestellt, dass hier etwas zusammenwachsen sollte, was nicht zusammengehört. Dazu war Chrysler flugs zu einem Sanierungsfall geraten. Die Aktie sackte in einem Jahr von ungefähr 100 auf unter 45 Euro. Doch ungerührt der Hiobsbotschaften aus Detroit verfolgte Schrempp seine Vision von der Welt AG weiter und erwarb zehn Prozent an Koreas größtem Autohersteller Hyundai und 34 Prozent am notleidenden japanischen Mitsubishi-Konzern.













