Pendeln macht krank
Pendler und stets Erreichbare riskieren, häufiger psychisch krank zu werden. So eine deutsche Studie, die auch die 340.000 Steirer betrifft, die von auswärts zur Arbeit kommen.

Foto © Erwin Scheriau
Von "Krank durch Pendeln und ständige Erreichbarkeit" (Abendzeitung) über "Arbeitnehmer-Überlastung nimmt zu" (FAZ) bis "Immer mobil, häufig krank" (Die Welt) reicht das Echo in Deutschland. Auslöser ist eine große Untersuchung des wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK. Daraus ist deutlich abzulesen, wie gesundheitsschädlich auch die neue Arbeitswelt sein kann.
Beruflicher Einsatz vor und nach der eigentlichen Arbeit, am Wochenende, bewaffnet mit Handy und Laptop, im Auto, Bus und in der Bahn: "Pendeln erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen", sagt das Institut. Langstreckenpendler sind im Schnitt einen halben Tag länger krank als andere Versicherte. Das Erkrankungsrisiko steigt mit der Entfernung von Wohnort zum Arbeitsplatz. Dass Arbeit und Freizeit zunehmend schwer miteinander vereinbar sind, bereitet Berufstätigen zumindest Kopfschmerzen.
Erschöpft, überfordert
Auch hierzulande? Immerhin stuft die Statistik 337.124 Steirer als Pendler ein, mehr als 40.000 fahren in ein anderes Bundesland oder ins Ausland zur Arbeit. Von den steirischen Pendlern sind 80 Prozent auf das Auto angewiesen, viele legen 50 oder mehr Kilometer zurück, schildert Franz Gosch von der Pendlerinitiative. Und "ständiges Erreichbarsein und das Fehlen beziehungsweise die Verkürzung von Erholungszeiten kann zu erhöhter Erschöpfung und zur Überforderung führen", schildert Georg Wultsch vom Arbeitsmedizinischen Zentrum Graz. Die typischen Anzeichen "sind Unausgeschlafenheit, Kopfschmerzen, Erschöpfung oder allgemeine Lustlosigkeit", listet der Arzt auf.
Verfluchen wollen die Steirer steigende Mobilität und flexibles Arbeiten freilich nicht. Zumal "wir keine mit der AOK vergleichbare Untersuchung haben", räumt man bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse ein. Im Vorjahr wurden 9361 Fälle mit psychiatrischen Krankheiten registriert, mehr als 318.000 Krankenstandstage sind angefallen. Das ist viel im Vergleich zu den Fallzahlen. "Bei den oberen Luftwegen waren es rund 145.700 Fälle, aber auch eine böse Erkältung geht vorüber. Bei psychischen Krankheiten dauert es Wochen und Monate", weiß man in der GKK. Der Pendleranteil ist ihr aber unbekannt. Die "Belastung ist allgemein höher und kein reines Pendlerproblem", meint AK-Vizepräsident Gosch.
Arbeitsmediziner Wultsch will indes zwischen "gewolltem und erzwungenem Pendeln unterscheiden". Tenor: Wer sich beruflich oder privat verbessern kann, wird mit einer längeren Anreise gut leben können. Die Kehrseite:
"Bin ich gezwungen auszupendeln und habe keine adäquaten Alternativen oder einen Realverlust an Lebensqualität hinzunehmen, falls ich nicht pendle, stehen die negativen, gesundheitsverschlechternden Aspekte im Vordergrund."
Mehr Unfälle
Bei diesen Beschäftigten könnte die Unfallhäufigkeit steigen, ebenso das Risiko für chronische Erschöpfung oder andere psychosomatische Erkrankungen. Besonders betroffen sind jene, "die weit auspendeln müssen, und die durch schlechte Anbindungen belastet sind". Sie vor allem benötigen ein "Gesamtkonzept, um langfristige Gesundheit auch im psychischen Bereich zu ermöglichen" (siehe Info).













