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Zuletzt aktualisiert: 16.08.2012 um 10:24 UhrKommentare

Benzin statt Brot

Die Dürre in den USA könnte eine weltweite Lebensmittel-Krise auslösen. Zu essen gäbe es genug, doch der Autotank tritt in Konkurrenz zum Hunger. Lebensmittel landen im Biosprit, lautet die Kritik - ab Herbst auch in Österreich.

Foto © fotolia / klick

In Deutschland hat sich am Wochenende erstmals ein Regierungsmitglied für einen sofortigen Verkaufsstopp des umstrittenen Biosprits E10 ausgesprochen. "Gerade bei steigenden Lebensmittelpreisen kann Biosprit zu stärkerem Hunger in der Welt beitragen", sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel. In Österreich hält Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich am Plan fest, E10 im Herbst einzuführen.

"Es wird nur ein ganz geringer Anteil an Getreide für die Bioenergieproduktion verwendet. Die Nahrungsmittelproduktion ist in keiner Weise gefährdet", sagte am Donnerstag ein Sprecher von Berlakovich zur APA. Sowohl in Österreich als auch europa- und weltweit stünden "Flächen- und Produktionspotenziale in mehr aus ausreichendem Maß zur Verfügung".

Start in Österreich

Wann genau der - in Deutschland anfangs sensationell gefloppte - Biosprit in Österreich kommen soll, hänge vom Koalitionspartner respektive dem Büro von Verkehrsministern Doris Bures (S) ab. "Es laufen Verhandlungen." Kürzlich, im August, habe es ein "Spitzengespräch" gegeben. Die offengebliebenen Punkte würden jetzt geklärt. Hauptsächlich gehe es um die Information der Bevölkerung. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", etwa eine Informationskampagne geplant. Damit will man wohl vermeiden, dass die Autofahrer - wie in Deutschland - E10 aus Angst um ihre Motoren boykottieren.

Berlakovich hat mit seinem E10-Vorhaben - bis auf die Biosprit- bzw. Agrarbranche - wenige Mitstreiter. Die Debatte in Deutschland gibt heimischen Kritikern Aufwind. Umweltschützer sind der Meinung, Treibstoff aus Getreide, Mais oder Zuckerrüben füge der Umwelt mehr Schaden als Nutzen zu. Die klimaschädlichen Treibhausgase würden lediglich in Richtung Landwirtschaft verlagert - "und wenn die Rohstoffe aus dem Ausland importiert werden, werden sie ins Ausland verlagert", sagte Jurrien Westerhof von Greenpeace im Ö1-"Morgenjournal".

Auch der Autofahrerclub ARBÖ erneuerte seine Kritik. Gerade jetzt, da die Preise von Getreide und Mais in die Höhe schnellten, sei ein denkbar schlechter Zeitpunkt für die Einführung von E10. Generalsekretärin Lydia Ninz sieht eine Teuerungswelle auf Österreichs Autofahrer zurollen.

Teller oder Tank

Massive Bedenken puncto Biosprit äußern auch Entwicklungshilfeorganisationen. "Es gibt eine tödliche Konkurrenz zwischen Teller und Tank, und da sage ich, das Teller muss gewinnen", sagte Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer im "Morgenjournal". Vor allem in den USA, wo momentan 40 Prozent der Ernte in Raffinerien landen, brauche es einen Biotreibstoffproduktionsstopp oder zumindest eine -drosselung, in Europa ein Moratorium.

Neben der Dürre und der vermehrten Biospritproduktion trieben aber auch der weltweit steigende Fleischkonsum sowie insbesondere die Spekulationen auf Nahrungsmittel die Preise nach oben. "Die verschärft die Steigerungstendenzen massiv", so Schweifer. Mais hat sich seit Juni um 50, Soja um 30 Prozent verteuert. Die Wettgeschäfte an den Agrarmärkten gehörten strikt reglementiert, fordert der Caritas-Experte. Dass diese angesichts der Verschärfung der Hungerproblematik von alleine aufhörten, glaubt Schweifer nicht. Dies sei "ein viel zu großes Geschäft". 2003 seien 13 Mrd. Euro in diesem Sektor aktiv gewesen, 2008 über 300 Mrd. Euro, jetzt "wesentlich mehr". Ein Investmentbanker habe kürzlich gesagt, "die Dürre in den USA ist wie wenn ein Goldhahn aufgedreht würde", sagte Schweifer.


Zitiert

Mehrere Hilfsorganisationen unterstützen die Forderung des deutschen Entwicklungsministers Dirk Niebel (FDP), den Biosprit E10 abzuschaffen. "Es ist ungerecht und verantwortungslos, dass Menschen hungern müssen, damit wir mit einem scheinbar reinen Gewissen unsere Autos tanken können. Land muss zuerst dafür da sein, um Nahrungsmittel anzubauen", sagte der Sprecher des evangelischen Hilfswerks "Brot für die Welt", Rainer Lang, der "Westdeutschen Zeitung" (Donnerstag).

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