Vom Swingen in der Klassik
Wer sich am Anblick der prächtigen, raren, oft unglaublich wertvollen Autos der Ennstal Classic erfreut, mag sich fragen, wie sich das von innen anfühlt.
1 / 44
Am schönsten sind die Nachmittagsstunden der großen Tauernrunde hinter den sieben Bergen, es gibt kaum Verkehr, nur Grüppchen von Fans auf den Hügeln, alles hat sich zusammengeschüttelt zum rechten Rhythmus, und der alte Racer neben mir hat auf sehr spürbare Weise seine Hetz.
Durch alle Ohrstöpsel hindurch dringt das Tröten der Silberpfeil-Maschine, mit heiserem Nachfassen und noch breiterem Getröte dann dieses unvergleichliche Prasseln, als ob es hagelt im Auspuff, und wieder das reine Gebrüll, damit schafft man sich Fans und Freunde, manchmal swingen drei oder vier Autos in Sichtweite durchs Geläuf, wir haben einen James-Dean-Porsche in der Nachbarschaft, zwischendurch ist der beherzte Mediziner mit seinem E-Type im Schlepp, er wird später sagen, wie ihm die Ohrwascheln gewachsen sind, um unseren süßen Sound zu inhalieren, vorn taucht der Damenferrari auf, einen schöneren Hintern kannst du dir nicht malen als den weißen Portago-250 GT mit der dreigeteilten Heckscheibe und einem Tankdeckel wie das Silberne Vlies.
Fesche Gretln
Die Ladys sind voll auf der Welle, noch dazu alles fesche Gretln, eine wie Prinz Eisenherz, all das zusammen müssen die Erfinder der Ennstal Classic ungefähr gemeint haben mit dem Spruch vom "Autofahren im letzten Paradies".
Legendär: Nigel Mansell und Walter Röhrl geben Gas
1993 haben Helmut Zwickl und Michael Glöckner die Ennstal-Classic ins Leben gerufen: Walter Röhrl, Stirling Moss oder Gerhard Berger kratzten hier genauso die Kurve wie Klaus Wildbolz oder Franz Klammer. Als Rowan Atkinson, alias Mr. Bean, an den Start ging, wurde er - wenn er sein Auto stoppte - von Autogrammjägern überrannt. Nach wie vor ist die Ennstal-Classic ein Racer- und Zuschauermagnet, 350 Fahrer haben sich heuer beworben - nur 230 dürfen an den Start gehen. Formel-1-Legende Nigel Mansell stoppt heuer nicht einmal ein Schulterbruch: Er wird am Samstag in einem 600 PS starken Porsche-917-Rennprototypen Gas geben. Auch Walter Röhrl zündet einen Porsche für die große Gala. DIDI HUBMANN
Heute, Freitag, 13. Juli / Orange- Marathon Durchfahrtszeit pro Ort rund zwei Stunden - mit 230 Autos 7:00 Start in Gröbming Startrampe; 7:15 Aich/Dorfplatz; 9:00 Postalm; 9:45 Bad Ischl/Kurpark; 10:45 Gmunden/Rathausplatz; 13:00 Steyr/Stadtplatz; 15:15 Spital am Pyhrn/Stiftsplatz; 16:00 Schloss Pichlarn/Irdning; 16:20 Pürgg/Dorfplatz; 16:45 Bad Mitterndorf/Hauptstraße; 17:15 Niederöblarn/Flugplatz; 17:45 Assach/Dorfplatz; 18:00 Zielankunft Schladming/Hauptplatz
Samstag, 14. Juli/Chopard-Grand-Prix Gröbming: 11:00 Startaufstellung der Oldtimer/Hauptstraße; 12:15 Chris Pfeiffer Bike Show/Startrampe; 13:00 Demonstration historischer Rennwagen; 13:20 Ferrari Challenge; 13:30 Finale Ennstal Classic; 15:00 Siegerehrung Startrampe
Dazu sollte man auch sagen, dass der Schreiber die Gnade genießt, seit langen Jahren Beifahrer des Jochen Mass zu sein, immer auf einem anderen Mercedes. Die artgerechte Haltung eines sportlichen Klassik-Autos ist voller Harmonie, allerdings am straffen Zügel. So bleibt das Auto in den Federn, es macht keine Hupfer und zieht den Dämpfern keine langen Ohren. Da gibt's über Hunderte Kilometer keinen Ruck und keinen Zucker am Pedal, und die Reindln werden ausgeschmiert in langen eleganten Wischern. Das erfrischt nicht nur den kundigen Piloten, sondern auch den Beifahrer, weil du in diesem Zustand der logisch richtigen Bewegung bist und nicht irgendwie durch die Gegend stotterst, dass die Bandscheiben schlackern.
Des Swingens ist allerdings ein Ende, sobald sogenannte Geheimkontrollen angesagt sind (der vorgegebene Schnitt ist auf die Sekunde zu halten) oder wenn eine Lichtschranke auf die Hundertstelsekunde zu durchfahren ist. Walter Röhrl sagt "Tipferlscheißen" zu dieser Art von Motorsportwertung, und damit ist er natürlich ziemlich präzise am Punkt.
Es ist dies allerdings die einzige Möglichkeit, auf offenen Straßen zu einer wettbewerbsmäßigen Reihung zu kommen und nicht ins Kriminal. Je beliebter und ernsthafter der Wettbewerb mit klassischen Autos wird (und der Trend legt noch immer mächtig zu, mit der Ennstal Classic als internationalem Spitzenreiter), umso mehr müssen wir die Tipferln richtig, hmm, setzen. Die Mille Miglia etwa wird seit mehreren Jahren ausschließlich von Profis gewonnen, die jede gewünschte Linie auf plusminus drei Hundertstelsekunden Genauigkeit überfahren können. Wir wollen das die Präzision der retardierenden Wahrnehmung nennen, wie wir sie von schweigenden Uhrmachern ahnen. Oder von Festkörperphysikern, die mit Femtelsekunden arbeiten: Eins hoch minus fünfzehn. Wenn solche Typen eine Sekunde Zeit haben, schlafen sie vor Langeweile ein. Anderseits ist das Beispiel des Indianers bekannt, der zum ersten Mal eine Bahnhofsuhr sah, nach 24 Stunden zur Sonne blickte und sagte: "Stimmt."
Unbezahlbare Raritäten
Die Wahrnehmung der kleinen Einheit erhellt sich weder dem Jochen Mass noch mir in der wünschenswerten Qualität. Wir stolpern, dabei nicht unelegant, in die Lichtschranken und hoffen auf die Gnade des Zufalls, aber der Zufall liebt nicht immer die Tapferen.
Die Auslese bei den Ennstal-Autos, gesteuert von Zwickl & Glöckner mit sanfter Gewalt, geht zu den sportlichsten Klassikern, immer mehr unbezahlbare Raritäten, aus denen dann der zivile Kontrast eines Austin A35 oder einer DS 19 erst so richtig köstlich heraussticht.
Bei den Vorkriegsautos haben die Härten des Tauern-Marathons über die Jahre zu einer Darwin'schen Auslese geführt, und statt putziger Schnauferln stehen sehnige Bugattis, ein prustender SSK, herzzerreißende Rileys, Bentleys und Alvis an der Rampe, jeder Einzelne in seiner Story eine abendfüllende Kurzfassung.
Als Schwerpunkt in der Liebe zu den alten Eisen mausern sich immer mehr die Träume der Brigitte-Bardot-Zeit. Es waren ja auch die aufregendsten Filme und die schönsten Autos, und überhaupt, wer weiß das noch so genau.




















