OMV-Chef: "Zu Pfingsten erhöhen wir Preise nicht"
OMV-Chef Gerhard Roiss beteuert, es werde auch ohne Spritpreisbremse keine Wochenend-Preissprünge geben. An den OMV-Plänen für die geplante Nabucco-Pipeline hält er fest.

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Die Spritpreisbremse, die Wirtschaftsminister Mitterlehner gezogen hat, soll erstmals Fronleichnam greifen. Wird sie die typischen Preiserhöhungen zu Reisewochenenden verhindern?
GERHARD ROISS: Ich kann nur für die OMV sprechen. Wir messen immer den Durchschnittspreis unserer Tankstellen und haben uns auch bisher an die Preisentwicklung in Rotterdam gehalten, ungeachtet dieser Regelung. Das habe ich mir ein, zwei, drei Wochen vor Ostern genau angeschaut. Wir haben die Preise nicht kurzfristig raufgezogen und ich habe auch nicht vor, das zu Pfingsten zu tun.
Laut ÖAMTC hat die Mehrheit der Tankstellen Christi Himmelfahrt die Preise sehr wohl überproportional erhöht.
ROISS: Die Nettopreise in Österreich liegen im europäischen Vergleich im unteren Drittel und bewegen sich bei uns analog zu Rotterdam. Die Bundeswettbewerbsbehörde startet nächste Woche eine umfassende Branchenuntersuchung, weil sie vermutet, dass der Wettbewerb eingeschränkt oder verzerrt ist. Was sagen Sie dazu?
ROISS: Die BWB hat in den letzten Jahren immer wieder Untersuchungen durchgeführt. Wir werden auch dieses Mal umfassend kooperieren.
Kritiker der Mineralölkonzerne sprechen von systematischer Verwirrung der Konsumenten durch das schnelle Auf und Ab der Preise. Was könnte mehr Transparenz bringen?
ROISS: Es gibt kaum einen transparenteren als diesen Markt, sowohl für die Käufer als auch für die Anbieter. Es ist tatsächlich wie auf einem Markt, wo man sieht, was der Nachbar anbietet. Da hat man die permanente Anpassung, Mobilität auf beiden Seiten.
Ist das aber nicht eine Pseudotransparenz? Niemand wird freiwillig aus diesem Preisgefüge ausscheren.
ROISS: Das haben Sie in jedem Markt mit gleichwertigen Produkten. Transparenz führt zur Anpassung. Ein logisches Phänomen.
Sehen Sie bei den Spritpreisen gerade eine psychologische Schmerzgrenze?
ROISS: So eine Schwelle war ein Euro.
Sind 1,50 Euro auch so eine Schwelle?
ROISS: Das kann ich nicht feststellen. Tatsächlich ist jetzt ein Niveau erreicht, das beim Konsumenten zu Kaufzurückhaltung führt. Das sehen wir derzeit in sehr vielen Märkten. Was bedeutet das für das Tankstellengeschäft?
ROISS: Die hohen Preise führen zu einer noch schnelleren Polarisierung zwischen Tankstellen mit einem breiten, hochqualitativen Convenienceangebot und den Automatentankstellen, wo der Liter Treibstoff zwei Cent weniger kostet. Der direkte Vergleich zeigt, der Konsument schätzt das größere Produkt- und Serviceangebot, weil er sich den Weg zur Post oder zum Imbiss spart. Wir bauen aber auch die Diskonttankstellen Avanti aus, in der Mitte dazwischen wird es halt nichts mehr geben.
Ist es noch aktuell, ab Herbst E 10 Ethanol dem Sprit beizumischen?
ROISS: Das ist noch nicht geregelt und ich kann es nicht kommentieren. Das ist Sache der Politik.
In Deutschland war die Einführung ein Flop. Warum macht man das trotzdem in Österreich?
ROISS: Für die Frage bin ich nicht der richtige Adressat.
Jetzt könnten Sie ja noch etwas tun.
ROISS: Ich habe dem Minister ganz klar gesagt, wann immer diese Regelung mit dem Wissen um die deutschen Erfahrungen kommt, dann muss der Konsument ausreichend aufgeklärt werden, was E 10 für sein Auto bedeutet. Ich kann nur den Platz für die Information zur Verfügung stellen. Den Inhalt muss jemand anderer liefern, seriös und konkret, für welche Autotype und welchen Jahrgang E 10 problemlos ist. Sonst sorgt man für Verwirrung.
Die OMV reduziert das Tankstellengeschäft wegen zu geringer Margen. Wenn die Gewinne nicht von dort und auch nicht von den Raffinerien kommen, wo in der Pipeline bleiben sie denn hängen?
ROISS: Die Branche verdient europaweit im Tankstellengeschäft sehr wenig, im Ländervergleich liegt Österreich bei den Margen am unteren Ende. Deshalb ziehen sich die Großen aus vielen Märkten zurück. Das ist nicht nur eine Folge der geringen Margen, sondern auch der sinkenden Absatzmengen, weil die Autos immer weniger verbrauchen. Bei Raffinerien haben wir gewaltige Überkapazitäten zwischen 15 und 20 Prozent, die nicht zurückgefahren werden, weil man eine Raffinerie nicht so schnell zusperrt. Da haben im ersten Quartal alle große Verluste gemacht, auch wir. Also bleibt das Geschäft mit dem hohen Risiko, das Fördergeschäft. Hier werden schnell einmal dreistellige Millionenbeträge investiert, mit der Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, etwas zu finden. Wir haben da sehr viel Know how, wenn man gut ist, macht man da Gewinne. Der Ölmarkt ist weltweit wachsend. 2011 um eine Millionen Barrell täglich. Gas ist auch stark wachsend, es gibt dort Reserven für 200 Jahre, davon sind aber zwei Drittel sogenanntes unkonventionelles Gas, in Gestein eingeschlossenes Gas. Der Gasbedarf wird in den nächsten zehn, 20 Jahren weltweit am stärksten wachsen, weil Gas elementar für die Nutzung der erneuerbaren Energien ist. Statt den Strom der Windparks über neue Hochspannungsleitungen zu transportieren, könnte man über Elektrolyse Wasserstoff produzieren und ins Gasnetz einspeisen.
Sie steigen aus einigen Geschäftsbereichen aus, um stärker in die Öl- und Gasförderung zu gehen. Wie groß will die OMV mittelfristig auf diesem Feld werden?
ROISS: Zwei Drittel bis drei Viertel unserer Investitionen werden wir dort tätigen. Was macht Sie so sicher, dass die riskantere Strategie aufgeht?
ROISS: Unser Risk Manangement ist inzwischen ein sehr großer Konzernbereich. Wenn man die mannigfaltigen Risiken wie in einem guten Portfolio strukturiert, ist die Förderung ein sehr profitables Geschäft. Bisher hatten wir in den großen Fimenkonsortien Risk Beteiligungen von zehn, 20 Prozent. Bei unserem spektakulären Gasfund im Schwarzen Meer sind wir bewusst mit 50 Prozent drin geblieben. Das ist ein wichtiger strategischer Schritt. Wir haben uns für diese Tiefseebohrung zudem bewusst Exxon, den weltweit größten Ölkonzern, als Partner gewählt. Unsere OMV-Leute waren bahnbrechend, das hat Exxon überzeugt, mit zu gehen.
Um das Gas nach Westeuropa zu bringen, braucht die OMV eine Pipeline. Sie haben das einstige Prestigeprojekt ?Nabucco“ vom Kaspischen Meer auf eine kurze Variante ab der Türkeigrenze zu Bulgarien zusammengestutzt. Wie sicher kommt die denn?
ROISS: Niemand hätte geglaubt, dass wir so schnell ein Binding offer für die Nabucco West abgeben würden. Vor einer Woche haben wir es getan, mit der ungarischen MOL und der deutschen RWE an Bord, über deren Ausstieg viel spekuliert wurde. Ich rede sehr wenig über solche Dinge, bin wenig in der Öffentlichkeit, das ist mein Stil.
Was bedeutet es, dass BP gestern, Freitag, die alte Nabucco vom Kaspischen Meer für tot erklärt hat?
ROISS: Ich habe schon 2011 das Konzept Nabucco West auf den Tisch gelegt, weil dies die realistische und richtige Variante für die europäischen Bedürfnisse ist. Für die Nabucco West ist die BP-Meldung irrelevant.
Viktor Orban gilt trotzdem als politisch unberechenbar.
ROISS: Er ist gewählt.
In Rumänien wird über eine hohe Sondersteuer nachgedacht, von der die OMV-Tochter Petrom massiv betroffen wäre. Was denken Sie darüber?
ROISS: Ich bin viel in Rumänien, es geht mir darum, glaubwürdig zu sein und nachhaltig etwas für das Land zu leisten. Was haben wir in Rumänien gemacht? Hundert Prozent aller Gewinne reinvestiert. Ich glaube, das Vertrauen in die Petrom, in die OMV ist groß. In Rumänien ist Wahlkampf. Gegen Dinge, die im Wahlkampf gesagt werden, bin ich immun und ich kommentiere nichts. Ich werde den Weg zuverlässig, solide und geradlinig gehen, von dem wir glauben, dass er gut für das Land und das Unternehmen ist. Da bin ich im ständigen Dialog. Unser Ziel ist, das Land im Energiebereich zu einem wichtigen Player zu entwickeln. Immerhin zehn Prozent der gesamten rumänischen Staatseinnahmen kommen von der Petrom, das ist eine gewaltige Dimension.
Ungarn hat auch die ausländischen Konzerne massiv besteuert.
ROISS: Wir arbeiten an einer langfristigen Strategie für Rumänien, die wir in den nächsten Monaten präsentieren werden. Da geht es darum, wie der Schwarzmeerfund für die Entwicklung des Landes genutzt werden kann. Sie haben zuletzt die europäische Energiepolitik heftig kritisiert. Die EU müsse die Bedeutung von Gas kapieren. Wer kapiert da denn etwas nicht? ROISS: Die EU unterschätzt in ihrer Roadmap 2050 die Bedeutung von Gas völlig. Die Internationale Energieagentur erwartet in 20 Jahren einen um 23 Prozent höheren Gasverbrauch, in der EU-Roadmap steht ein Minus von 25 Prozent. Das ist eine Fehleinschätzung und aus meiner Sicht ein gigantisches Problem.
Warum?
ROISS: Wenn zwei Drittel der Gasvorkommen unkonventionelles Shale-Gas sind, müssen wir uns etwas überlegen. Die US-Gaspreise liegen durch die Shale-Gasförderung bei einem Drittel unserer Preise. Die Chinesen haben klare Ziele für die Förderung von Shalegas definiert. Europa muss eine klare Position beziehen, wenn nicht irgendwann ganze Industrien abwandern sollen. Wir müssen wissen, welche ökologischen Standards mit welchen Technologien Europa haben will. Wenn die EU die Verantwortung auf die Länder schiebt, dann sage ich: Damit ist jedes Land, jede Region überfordert, weil man Kampagnen für jeden Wahlkampf fürchten muss. Mit dem Thema kann man nicht spielen. Die Uhr tickt.
Bis wann müsste die EU diese Standards aus Ihrer Sicht definieren?
ROISS: Europa hat sich in den nächsten zwölf Monaten klar zu zu positionieren. Europa braucht sicher andere ökologische Standards als Amerika. Aber auch dort sind die Standards heute längst besser als vor zehn Jahren. Und man kann nicht einfach die Bilder von vor zehn Jahren nehmen, um die Gegenwart zu diskutieren.
Sie haben die geplante Probebohrung im Weinviertel blitzschnell wieder abgeblasen.
ROISS: Man kann Dinge nur tun, wenn man glaubwürdig ist. Es muss in der vollen europäischen Breite diskutiert werden. Dazu gehört, dass man die für die Windräder notwendigen Hochspannungsleitungen nicht verleugnet, auch wenn man sie erst drei Jahre später bauen muss. Wir müssen einfach einen glaubwürdigen Dialog mit den Menschen führen und nicht in eine von Kampagnen getriebene Einseitigkeit verfallen.
Features
Zur Person
Gerhard Roiss ist seit 1. April 2011 Vorstandsvorsitzender der OMV.
Studium in Wien, Linz und Stanford (USA).
1990 übernahm Roiss das Gruppenmanagement der OMV, sieben Jahre später wurde er zum Vorstand.













